Georg Kühlewind Stiftung

Lebenslauf von Georg Kühlewind

Das Ebenbild

Am Begräbnis von Georg Kühlewind

 

„Der Baalschem berief einst Sammael den Herrn der Dämonen, um eines notwendigen Dinges willen. Der heischte ihn an: »Wie wagst du es, mich zu berufen! Dreimal bisher nur ist mir’s geschehen, in der Stunde am Baum, in der Stunde am Kalb, in der Stunde der Zerstörung des Heiligtums.« Der Baalschem hieß die Schüler die Stirnen entblößen. Da sah Sammael auf jeder Stirn das Zeichen des Bildes, in dem Gott den Menschen schafft. Er tat, was von ihm verlangt war. Ehe er aber ging, sprach er: »Söhne des lebendigen Gottes, erlaubt mir noch, eine Weile dazustehen und eure Stirnen zu betrachten.«“

 

An einem von Georg zusammengestellten literarischen Abend, den wir unter dem Titel „Wege und Tore“ in Budapest aufgeführt haben, ist diese chassidische Geschichte von Martin Buber in seiner Übersetzung erklungen. Sammael betrachtet wie gebannt das Zeichen des „Menschen“ auf den Stirnen der Schüler.

Die Geschichte greift auf ferne Vergangenheit zurück, und sie ist auch heute aktuell. Denn unter den geschaffenen Wesen ist es doch der Mensch, vor dem wir unseren Kopf am ehesten beugen können. Es ist mir klar geworden: Ich war Schüler in einer besonderen Geistesschule. Ich war fast vier Jahrzehnte lang bei einer geistigen Quelle anwesend, wo die Frage war: Wie kannst Du Dein Menschensein am besten verwirklichen? Wie kannst Du am meisten derjenige sein, von dem Du in Deinem Alltag getrennt lebst? Wie kannst Du zu Deinem wahren Ich werden, zu dem, der hier ist, und der doch nicht ganz auf der Erde ist, obwohl er hier sein könnte? Aus dessen Gnade wir leben. Als Erbschaft geistiger Werkstätten aus großen Zeiten lebten diese Fragen in dieser Schule.

Wie entstehen solche geistigen Werkstätten? „Wir sind aus dem Stoff, aus dem die Träume sind, und ein Schlaf umschließt unser kleines Sein.“ – sagt Shakespeare. Der Schlaf ist gegeben. Das Aufwachen nicht.

Er entschließt sich: er fängt alles neu an: er stellt die größten Fragen wieder. Seine eigenen Fragen sind seine Wegweiser. Sein Sternwesen wird ihm den Weg beleuchten, die Richtung weisen.

Er erfährt den Mangel, es lebt in ihm die Sehnsucht nach einem vollständigeren Sehen. Wie Jonathan Livingston, die Möwe, deren Geschichte er lange bevor sie erschienen ist, auf Ungarisch übersetzt hat, oder Frodo, der Held seines geliebten Buches „Herr der Ringe“, der selber entscheidet: Er führt die Aufgabe durch, da jemand sie tun muss. Ein menschliches Wesen im tiefsten Dickicht des weltlichen Chaos, unter den Fallen des 20. Jahrhunderts, das trotz aller ablenkenden Versuchungen in diesem Labyrinth vom „Normalen“ zum „Gesunden“ werden will. Er fängt alles von vorne an. Seine Wegbegleiter: Thomas von Aquin, Dante Alighieri, Meister Eckhart, Tauler, Suso, Plato, Anselmus von Canterbury, Shakespeare, Rudolf Steiner, Massimo Scaligero, Karl Kerenyi, Thomas Mann, Rilke, der Heilige Augustinus, Heraklit, Johannes der Evangelist, u.a.

Im Mittelpunkt seiner Suche steht die ewige Aufgabe des Menschen. Er findet die zentrale Fähigkeit des Menschen in der Aufmerksamkeit. Die Gesundung der gegenwärtigen Menschheit will er durch die Heilung der Aufmerksamkeit, durch die Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Art erreichen. Nach der Ausschaltung von Assoziationen und Ablenkungen, in der wortlosen Stille des Schweigens, erhöht er die Intensität der Aufmerksamkeit auf immer vollkommenere Stufen. Die Zeichen fangen an, ihre Bedeutungen auszusprechen. Er wird Zeuge bei der Geburt einer neuen Art des Selbst, eines sich immer erneuernden, nicht berechenbaren Ich-Bewusstseins. Den anderen Menschen hört er, versteht er auch aus der Stille der Hinwendung. Beim Lesen der Zeichen, der Phänomene, wird die vorurteilslose Aufmerksamkeit in der Identität zum Wahrnehmungsorgan. Ein sanfter Wille ist das, will nichts für sich, er will nur sein. Selbst sein. Nicht etwas anderes. Er kann weder beeinflusst, noch berechnet, noch fortgesetzt werden. Er wird immer einfacher, immer sanfter. Das ist die Gebärde eines Künstlers. Bis zum letzten Augenblick des Lebens dauert die Aktivität des nach dem Lösen aller Aufgaben strebenden Geistes. Die Krankheit wird zur Aufgabe. Der Tod wird zur Aufgabe. Wenn es eine Frage gibt – die Antwort muss gefunden werden. Er hütet in Würde sein selbst erarbeitetes Geheimnis seines Menschenseins: Der Mensch – wenn er das wirklich ist – kann seine eigene Krankheit, seinen eigenen Tod selber gestalten, anstatt ihn nur zu erleiden. Er entscheidet immer. Und gestaltet, schafft immer. Wenn er nicht schafft – hat er das Nicht-Schaffen gewählt. Er schafft aber. In jeder Minute seines Lebens.

Ein übender Mensch. Er sucht mit unglaublichem Fleiß auf jede auftauchende Frage die Antwort, ohne Zeit und Mühe zu schonen. Er zögert nicht. Wer unterrichtete ihn? Der höhere, sich auf sein eigenes himmlisches Wesen stützende Wille des schöpferischen Menschen. Er ist selbstständig, frei. Er stützt sich auf niemanden, er weiß doch, dass der Mensch ein mächtiges Wesen ist. Er kann alles erreichen. Nichts ist ihm verborgen. Nur die Grenzen seines eigenen Erkennens können ihn einschränken. „Der Seele ist ein Logos eigen, der von sich selbst wächst“ (Heraklit). Der Egoismus ist nichts wert. Auf Ausgrenzung, Finsternis, Bosheit ist seine Antwort die Sanftmut des Drachen-besiegenden Heiligen Georgs, der an der immer vollkommeneren Geburt seines himmlischen Wesens wirkt. „Beschäftigst Du Dich mit dem Bösen – hat es Dich schon besiegt“. Nur die Sanftmut kann den leeren Raum schaffen, in dem sich die höheren Wahrheiten des Seins offenbaren können.

Er hat Entdeckungen gemacht u.a. auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft, der Psychologie, des künstlerischen, insbesondere des musikalischen Bewusstseins. Er lehrte die heilende gegenwärtige Aufmerksamkeit. Er hat Sternkinder wahrgenommen. Er, der sie bemerkt hat – egal wie er sie nannte – hat darüber berichtet, dass er in seinem sich verändernden Himmel etwas beobachtet hat – das war die große Nachricht. Er hat nicht nur die Inkarnation von unabhängigen Individualitäten bemerkt. In dieser Erkenntnis hat sich ein neues Sehen geäußert. Er hat die kindlichen Individualitäten erkannt, wie die morgenländischen Weisen oder die Hirten den Stern von Bethlehem. Das war Erfahrung, keine Theorie. Darüber hat er Zeugnis abgelegt. Über diese Wahrheit. Wer den Stern der Kleinkinder erkennt, sieht aus der gleichen Quelle. Denn die Ebene des Sternen-Daseins ist gemeinsam für alle Menschen. Er lehrte: In der Pädagogik gibt es keine einzige, ausschließlich heilsame Methode. Heilsam wäre, die Individualitäten auf individuelle Weise zu unterrichten. Dazu sind ein sich immer erneuerndes Sehen und eine authentische, erfahrende Wahrnehmung notwendig. So konnte er das Wunder der Autisten und anderer, von der Welt als behindert angesehener Menschen erblicken. Er hat in ihnen die höchste menschliche Empfindsamkeit wahrgenommen. Diese Menschen haben es gleich erfühlt, wie er sie sieht, da sie in ihren Wahrnehmungen viel lebendiger sind, als die im Schutz der Alltagserkenntnis lebenden so genannten „normalen“ Menschen. Er strebte an, dass solche Erkenntnisse keine Theorie bleiben, sondern zur Praxis im Leben der so genannten behinderten Menschen werden, dass jeder mit einem Anderssein lebende Mensch auf seinem eigenen Weg zum immer vollkommeneren Menschen werde, ohne die ursprüngliche, hohe Empfindsamkeit zu verlieren. Diese Anschauungsweise hat er versucht denen bekannt zu machen, die sich mit solchen Menschen beschäftigen. Dass sie auf das Problem immer wieder mit neuem Blick schauen können. Mit einer ständigen, leeren Bereitschaft der Aufmerksamkeit. Dies hat er Menschen in allen Lebenslagen gelehrt. Mit seinem Blick, wie er einen begrüßt hat. Oder wie er täglich die Vögel gefüttert hat, wie er ihren Flug beobachtete aus dem Fenster, wie er mit seinem Hund spielte, oder den bestirnten Himmel aus dem Garten angeschaut hat.

Wie war dieser Stil?

Wie hat er einen Vortrag gestaltet? Meist begann er mit locker zusammengefügten, geistreichen Geschichten, abenteuerlichen Umwegen, Witzen. Die Aufmerksamkeit wird fast eingeschläfert, als wollte er gar keiner geraden Richtung folgen. Dann, im zweiten Teil, eine einzige unerwartete Gebärde. Wie aus einem Pfeil geschossen. Sichere Landung. Eine Reihe kontinuierlicher Intuitionen und Lösungen. Was das Ganze gestaltet: das Nicht-Wollen. Das Nichts Wollen. Vollständige Ruhe. Keine Absicht. Er will nichts ergreifen und nichts angreifen. Das ist die große Gebärde! Was niemand kann. Dieser Mut, dieses Vertrauen in die Gegenwart, in die Kraft der Intuition – das ist einmalig. Er baut auf unwahrscheinliches Vertrauen, auf unberechenbare Sicherheit auf. Eine Fähigkeit arbeitet darin – entsteht dadurch. In der Gegenwart. Das, was er in jeder Wahrnehmung, in jeder Übung, in jeder Gedankenkonzentration, Bild- und Satzmeditation übt. Er sucht immer dieses: Die Grundfähigkeit, das Wie der Verwirklichung der schöpferischen Gebärde. Er gibt diesem auch einen Namen: Der sanfte Wille. Er ist immer sanfter und immer einfacher geworden. Er hat diese Fähigkeit auch in seinen Zuhörern in Bewegung gebracht. Das ist heilsam. Wenn Du es in der Identität erlebst, tust Du es auch. „Wie gut ist es hier!“ – flüsterte mir einmal ein gemeinsamer Freund zu. „Jetzt ist wieder alles in Ordnung“ habe ich oft gedacht, wenn wir uns nach seinen häufigen Auslandsreisen wieder begegnet sind. Wenn er nicht zu Hause war, war irgendwie alles durcheinander. Wenn ich ihn dann wieder sah war die Welt wieder in Ordnung.

Die Zeit der Zeichen ist vorbei.

„Der Sämann sät das Wort [den Logos]. Diese sind’s aber, die auf dem Wege sind: Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt weg das Wort, das in ihr Herz gesät war. Aber auch die sind’s, bei welchen die Saat auf Steine fällt: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es alsbald mit Freuden auf, und haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Trübsal oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so ärgern sie sich alsbald. Und diese sind’s, bei welchen unter die Dornen gesät ist: Sie hören das Wort, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum und viele andere Lüste dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Diese aber sind's, bei welchen auf gutes Land gesät ist: Die das Wort hören und es annehmen und Frucht bringen, etliche dreißigfach und etliche sechzigfach und etliche hundertfach.“

„Jetzt seid ihr daran“ – hieß es am 2. Januar. Nebenbei, ohne besondere Absicht. Oder wer weiß? Der Körper ermüdete. Der Geist nicht. Er leuchtete. Strahlte durch seine Augen.

Es ist still geworden. Dann hieß das Meditationsthema: Rose ohne Stachel.

Eine Woche später: Ich komme aus dem Licht, ich gehe in das Licht, Licht leuchtet immer.

Was es bis jetzt gab – war Vorschuss.

Was jetzt kommt – hängt von uns ab.

Jetzt entscheidet sich das Schicksal dieser geistigen Schule. Wer meint: Es ist schon entschieden, oder wer meint: Diese sind unfähig, der rechnet nicht mit dem unwahrscheinlichen Wunder des Menschen. Wofür Sammael wie gebannt das Zeichen des „Menschen“ auf den Stirnen der Schüler betrachtet.

Jemand hat diesem Zeichen Bedeutung gegeben.

Er wusste: Er ist Ebenbild.

 

 

Ervin Fenyö

Budapest, Januar 2006

 (Übersetzung: Laszlo Böszörmenyi, Korrektur: Susanna Mastalier)